


Michael Karg, stellvertretender Vorsitzender der Bonhoeffer-Niemöller-Stiftung (mitte) übergab den Preis an das Netzwerk für Demokratische Kultur e.V. Wurzen ©Netzwerk für Demokratische Kultur
Die Bonhoeffer-Niemöller-Stiftung e.V. (BNS) hat am Samstag (13.06.2026) im Dom zu Wurzen das Netzwerk für Demokratische Kultur e.V. (NDK) mit dem Julius-Rumpf-Preis 2026 ausgezeichnet. Das NDK erhielt den mit 10.000 Euro dotierten Preis für seinen „ideenreichen, engagierten und wirkungsvollen Widerstand gegen die neuerliche Ausbreitung nationalistischen demokratiefeindlichen Denkens“. Die Laudatio hielt Dr. Wolfgang Thierse, Präsident des Deutschen Bundestags von 1998 bis 2005.
Das NDK wurde 1999 in Wurzen gegründet - als rechtsradikale Gewalt das Stadtbild prägte und das Problem vielerorts verschwiegen wurde. Seitdem setzt sich der Verein beharrlich für eine demokratische Kultur in der Region ein. Dies hat sichtbare Wirkung gezeigt – Neonazis dominieren heute nicht mehr das Stadtbild Wurzens.
Dennoch wächst der politische Druck: Der Wurzener Stadtrat strich auf Antrag der AfD – mit Stimmen von CDU-Mitgliedern - die städtische Förderung des Vereins, was auch den Wegfall von Landesmitteln nach sich zog. Das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend will seinen Zuschuss ebenfalls reduzieren.
Thierse: Verständnis für Ängste, Kritik an Konsumenten-Einstellung zur Politik
Laudator Wolfgang Thierse: „Erst durch Engagement, Einmischung und fairen Streit wird Demokratie zur politischen Lebensform der Freiheit.“ ©Netzwerk für Demokratische KulturDer ehemalige Bundestagspräsident Wolfang Thierse lobte in seiner Laudatio das NDK als „geschützten Ort der Demokratiearbeit“. Ihr aktives Einstehen für die Demokratie sei in der aktuellen Situation besonders wichtig angesichts der „dramatischen Veränderungen und Krisen, die wie ein Berg von Ungelöstem erscheinen“. Dies erzeuge „Zukunftsängste, Abstiegsängste, Befürchtungen vor Heimatverlust, Unsicherheiten vieler Art.“ Entsprechend groß sei das „Bedürfnis nach einfachen, klaren, schnellen, möglichst schmerzlosen Lösungen der Probleme.“ Eigentlich würden viele, so warnte Thierse, ungeduldig „Wunder“ erwarten. Doch Demokratie funktioniere anders. Sie sei langsam und beteilige viele Institutionen und Personen an der Entscheidung. Erst durch „Engagement, Einmischung, Bereitschaft zum fairen Streit, Respekt vor anderer Meinung, Berücksichtigung anderer Interessen“ werde Demokratie „zur politischen Lebensform der Freiheit“. Dies sei, so kritisierte Thierse, das Gegenteil „einer konsumistischen Einstellung: Die da oben, die Politik, die Politiker sollen gefälligst liefern, was ich von ihnen verlange“. Wenn dies nicht so schnell geschehe wie verlangt, dann verachte man deren Personal. Doch auf diese Weise werde der aktive Staatsbürger reduziert und verwandelte sich in einen „bloßen Konsumenten.“ Die Erwartungen aus dieser Haltung bezeichnetet Thierse als „gefährlich illusionär“, denn es gebe in diesen Zeiten keine Politik, „die so gut wäre, dass sie keine Schmerzen verursachte“.
Lob für Netzwerk, Kritik an geplanten Kürzungen bei NDK: Falsch, fatal
Thierse mahnte, für die demokratische Kultur im Land seien entscheidend „die Demokraten, die das Gespräch suchen und – auch in konfrontativen Situationen - durchhalten: das Gespräch mit den Nachbarn, Kollegen, Verwandten, gerade in einer Atmosphäre von Ressentiments und Hass, von Verfeindungen und latenter Gewaltbereitschaft!“ Dies tue das Netzwerk für demokratische Kultur in Wurzen, lobte Thierse. Die vorgesehenen Kürzungen durch das zuständige Bundesministerium bezeichnete er als „falsch“ und forderte Ministerin Prien auf, diesen Schritt nicht zu tun. Auch die Entscheidung im Wurzener Stadtrat sei „fatal“, das NDK nicht mehr zu fördern. Wörtlich sagte Thierse: „Das NDK ist ein geschützter Ort der Demokratiearbeit, des Gesprächs, der Pflege und Bildung zivilgesellschaftlichen Geistes in unwirklichen Zeiten geworden. Es verdient die politische Unterstützung hier in Wurzen und im Land.“
„Große Ehre und noch größere Herausforderung“
Martina Glass, Geschäftsführerin des NDK, betonte: „Diese Auszeichnung ist für uns eine große Ehre und eine noch größere Herausforderung: Denn wir dürfen auch heute nicht aufhören, Widerstand zu leisten. Aber wir sind dabei nicht allein. Wir bekommen Anerkennung und Unterstützung. Das macht uns Mut und hilft uns, weiterzumachen, auch gegen Widerstände."
Über den Julius-Rumpf-Preis
Der Julius-Rumpf-Preis erinnert an den Widerstand des gleichnamigen Wiesbadener Pfarrers gegen den Nationalsozialismus. Er wird alle zwei Jahre von der Bonhoeffer-Niemöller-Stiftung an Personen und Organisationen vergeben, die sich für Menschenrechte und eine demokratische Alltagskultur engagieren – und die dafür öffentliche Solidarität verdienen. Bisherige Preisträger waren 2024 die „Gruppe beherzt – für Demokratie und Vielfalt e.V." (Ebstorf) und 2022 der Verein „STiDU – Stimme der UngeHÖRTen" (Hannover). Weitere Informationen: bonhoeffer-niemoeller-stiftung.de/index.php/themen-projekte/julius-rumpf-stiftung
Kontakt zum NDK: Martina Glass (Geschäftsführerin):

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